Lambrecht – In der Lambrechter Tuchindustrie wurden viele Arten von Tuch gewebt, wobei das Militärtuch an erster Stelle stand, gemäß seiner großen Bedeutung für die Lambrechter Tuchmacherei. Gerade in schlechten Zeiten, wenn das Tuchgewerbe in Bedrängnis geriet, halfen Militärtuchaufträge oft aus der Not. Weshalb das Weben von Militärtuch zur Domäne der Lambrechter Tuchmacherei wurde, die sich damit weithin einen Namen machte.

Militärtuch brachte Hochbetrieb

Gingen Aufträge für Militärtuch bei den Tuchmachern in Lambrecht ein, so wurden diese unter allen örtlichen Betrieben aufgeteilt. Dabei kam auch vor, dass Teile von Aufträgen nach auswärts vermittelt wurden. Dies diente einer optimalen Produktion, um die Aufträge zur vollsten Zufriedenheit der Auftraggeber, zumeist hoheitliche Stellen, zu erledigen und so auch die Leistungsfähigkeit der Lambrechter Tuchmacherei hervor zu heben.

Bei den beauftragten meist großen Mengen an Militärtuch zog sich die Fertigung oft über Jahre hin. Dies gewährleistete den Betrieben längerfristig volle Auslastung sowie sicheren Umsatz, den Arbeitern garantierte es Lohn und Brot. Und so herrschte in Lambrecht überall Hochbetrieb, der im stärkeren Klappern der Handwebstühle bzw. im kräftigeren Schlagen der mechanischen Webstühle überall deutlich hörbar war, als „Wunschkonzert“ des großen Industriefleißes.

Bedeutung und Ursprung von Militärtuch

Wenn von Militärtuch die Rede ist, so ist dem Wortsinn nach Tuch für das Militär gemeint. Das hierfür auch synonym verwendete Uniformtuch bezieht sich dann auf die militärische Uniformierung, aber in dessen weiteren Sinn auch auf die nicht militärische Uniformierung etwa der Polizei.

Den Anfang für Militärtuch zur Uniformierung vermutet man im Mittelalter, als Fürsten ihre Gefolgschaft in den Farben ihres Wappens kleideten. Aber erst mit der Errichtung stehender Heere, etwa zu Zeiten von König Ludwig XIV., entstand die Uniformierung in heutigem Sinn. Dabei recht differenziert nach der Zugehörigkeit zu den unteren oder oberen militärischen Rängen (Mannschaften und Offiziere) sowie nach den jeweiligen Waffengattungen.

Muster für Uniformtuch aus einem Musterbuch der Webschule in Lambrecht:
1 Lama, Futter für Offiziersmäntel; 2 Dunkelblaues Uniformtuch; 3 Eisengrau Manteltuch für Schweizer Bundesbahn; 4 Zollgrün Doeskin; 5 Gamaschenstoff; 6 Dragonerblau Eskimo (Foto/Fotomontage: Gerald Lehmann)

Militärtuch für Kurpfalz und Frankreich

Als Beginn der Herstellung von Militärtuch in Lambrecht wird das Jahr 1743 angeführt. Im Jahr 1745 schlossen die „Wüllenweber Manufaktur zu St. Lambrecht nach vielen Jahren merklichen Abgang“ mit der kurpfälzischen Hofkammer einen Vertrag über die Lieferung von Militärtuch. 1760 erhielt die Zunft einen weiteren größeren Auftrag zur Fertigung von Uniformtuch für die kurpfälzischen Truppen.

Als die Pfalz 1796 unter französische Herrschaft gelangte, erfuhr die Lambrechter Tuchmacherei einen weiteren Aufschwung durch Militärtuchaufträge der französischen Regierung. Zu diesen kamen Militärtuchlieferungen für kaiserliche sowie auch für groß herzoglich-badische Truppen. So lieferten die St. Lambrechter Tuchmacher jährlich bis ungefähr 60 000 Ellen Militärtuch.

Nach Wirtschaftskrise Uniformtuch für Bayern

Die Glanzzeit unter Frankreich endete für die Lambrechter Tuchmacher 1816 als die Pfalz zu Bayern kam. Schon 1813, nach der Russland-Katastrophe Napoléons, wurde dessen 1807 verhängte Kontinentalsperre gegen England aufgehoben. Mit dem dort in Unmengen gehorteten Tuch überschwemmte England nun den Kontinent. Dies zu Billigpreisen, was eine über 30 Jahre anhaltende Wirtschaftskrise in Deutschland auslöste, mit massivem Abgang von Textilbetrieben.

Die Wirtschaftskrise traf auch die Lambrechter Tuchmacher hart. Hinzu kam, dass Bayern der Pfalz Probleme bereitete. Indem etwa das bayerische Militär seinen Bedarf an Tuch ausschließlich in Bayern deckte. Erst später förderte die bayerische Regierung die Tuchmacher in Lambrecht, nahm ein verhängtes Verbot zum Hausieren zurück und vergab Uniformtuchaufträge. Schließlich nahm Lambrecht in der Produktion von Tuch, besonders von Uniformtuch, den ersten Rang in Bayern ein.

Weitere Abnehmer für Militärtuch

Von 1860 an exportierten die Lambrechter Militärtuch in beträchtlichen Mengen sogar in die USA. Dies über 20 Jahre, bis durch Schutzzölle der Markt zusammen brach. Danach fand Militärtuch bzw. Uniformtuch aus Lambrecht Abnahme beim kaiserlichen Heer, bei der Reichswehr, der Wehrmacht und noch bei der Bundeswehr, wie auch bei Polizei und Feuerwehr u.a.

Farben und Vorgaben bei Uniformen

Als die Militärtuchproduktion in Lambrecht begann (s.o.), herrschte noch die Zeit der „Kabinettskriege“ (1650-1792), wo Soldaten in leuchtend bunten Uniformen agierten. Dies diente, um Verwechselungen auszuschließen, wenn das Schießen mit Schwarzpulver alles in dunkle Rauchschwaden hüllte. Durch die Entwicklungen in der Waffentechnik bis Ende des 19. Jahrhunderts, wo etwa beim Gewehr vom Einzel- zum Mehrlader die Feuerkraft, bei Nutzung von nun Rauch schwachem Schießpulver, erheblich gesteigert wurde, war für Uniformen nun die tarnende Farbe angesagt. In kolonialer Zeit kam hinzu, dass etwa für den Einsatz in Afrika speziell angepasste Uniformen entwickelt werden mussten (z.B. Kaki-Feldanzug der Schutztruppe)

Die Vorgaben für Uniformen nahmen zu, zumal eine Militärwissenschaft begann, jedes Detail zu erforschen. So sollten Uniformen besondere Bewegungen darin ermöglichen, hinsichtlich Wasser und Feuchtigkeit spezielle Eigenschaften aufweisen, in ihrer Tarnfarbe deren exakten Nuance entsprechen und vieles mehr.

Blaues Militärtuch ideal für Blaufärber

Für welche Uniformen das in den Lambrechter Tuchfabriken gewebte Militärtuch bestimmt war, ist nicht extra aufgeführt, kann aber gemäß den oben angeführten staatlichen Abnehmern teilweise rekonstruiert werden.

Schauen wir dazu auf Kurpfalz und Bayern, wo die Besonderheit bestand, ab 1214 über die Pfalzgrafenschaft verbunden gewesen zu sein, wodurch Angleichungen erfolgten, so auch beim Militär. Hier kam es 1777 zur Vereinigung beider Armeen mit ihren primär blau gefärbten Uniformen. Da das Blau der kurpfälzischen Regimenter heller war als das der bayerischen, übernahm Bayern 1782 auch das hellere Blau von Kurpfalz. Die Uniformen Bayerns und von Kurpfalz waren damit gleich.

Deren Blau prägte insbesondere die Uniformen von Infanterie, Artillerie (zu Fuß und zu Pferd), Pontonieren, Pionieren, Geniesoldaten, Generälen, aber auch von Kürassieren und schweren Reitern. Wie ebenso Blau in den Uniformen der weiteren Abnehmer, Frankreich, Kaiserreich, Großherzogtum Baden sowie USA recht präsent war. Zusammen ergab dies viel blaues Militärtuch, das zur Herstellung für die jeweiligen Uniformen benötigt wurde. Dies war für die Lambrechter Tuchmacher geradezu ideal, da sie dieses Tuch nicht nur weben, sondern als Blaufärber mit Färberwaid auch färben konnten.

Militärtuch in anderen Farben als Blau

Aber wie stand es um Militärtuch in anderen Farben als Blau? Nun, lange Zeit hielten die Lambrechter Tuchmacher ausschließlich am Blaufärben mit Färberwaid fest und vergaben das Färben in anderen Farben als Blau an auswärtige Färbereien, was Kosten verursachte und so den Gewinn schmälerte.

Gegen diese Praxis begannen erst nur einzelne Tuchmacher in eigene Färbereien zum mehrfarbigen Färben zu investieren. Mit der Gründung einer Färbergesellschaft im Jahr 1837 gab es dann eine allgemeine Besserung. In deren Färberei in der Dorfmaschine konnten nun alle Tuchmacher das Tuch vor Ort in anderen Farben als Blau färben lassen. Damit konnte hier nun auch Militärtuch etwa in dunklem Grün gefärbt werden, wie dieses in Uniformen der bayerischen bzw. pfälzischen Chevauleger und Ulanen vorherrschte. Allerdings stand die Entwicklung zur tarnenden Farbe bei Militäruniformen noch an.

Färben in Tarnfarben mit Risiko

War es schon schwierig, aus dem Indigo des Färberwaids die gewünschte blaue Tönung herauszuholen, so kam das Färben in Tarnfarben schon mehr einer Lotterie gleich. Galt es doch, durch Mischen von Farben die genaue Nuance der vorgegebenen Tarnfarbe zu entwickeln. Die Rezeptur dazu musste oft aufwendig durch mehrmaliges Probefärben sondiert werden. Dies erforderte vom Färbermeister große Erfahrung und ein scharfes Auge beim Abmustern einer Farbpartie, ob denn die Farbe stimmte. Analog traf dies auch auf nicht militärische Uniformen bzgl. ihrer Farbnuancen zu.

Trotz noch so sorgfältigen Vorgehens dabei, bestand die Gefahr, dass die Farbe nach dem Färben im Tuch abwich und es darum vom Auftraggeber zurückgewiesen wurde. Dies kam einem Totalverlust gleich, insoweit der Ausschuss dann nur noch zu Jacken- und Hosenstoff für die Buben taugte. War die Herstellung von Militärtuch im Allgemeinen ein Segen für die Lambrechter Tuchmacher, so barg sie doch auch ein derart wirtschaftliches Risiko, um damit auch zum Fluch werden zu können.


Quelle: Gerald Lehmann, Webermuseum Lindenberg