Herxheim – Die erste Premiere der neuen Spielzeit des Chawwerusch Theaters steht bevor: Am zweiten Oktober 2026 heißt es in Herxheim zum ersten Mal „Zwei Eier im Glas, bitte sehr!“ – ein Stück von Danilo Fioriti über das legendäre Romanische Café auf dem Berliner Ku’damm der Goldenen Zwanzigerjahre.

Wer über die Schwelle des Theatersaals tritt, gelangt in den faszinierenden, schillernden Brennpunkt der künstlerischen Avantgarde im Herzen des damaligen Berlins. Drei Kellner (Yaroslava Gorobey, Ben Hergl und Stephan Wriecz) beobachten, begrüßen und kommentieren ihre ankommende Kundschaft. Alle sind sie nun Teil der illustren Gesellschaft und dürfen an einem Tisch des berühmten Künstlercafés Platz nehmen. Gemeinsam erleben sie einen Tag von morgens bis abends – einen Tag voll von den Freiheiten, der Wildheit, aber auch der Armut und der Zerrissenheit auf dem Höhepunkt der Weimarer Republik. Die Inszenierung von Jule Kracht macht auch die widersprüchliche Seite dieser Epoche sichtbar: Eine Gesellschaft kann ihre Freiheiten in vollen Zügen genießen und zugleich deren Ende entgegengehen. Gespielt wird „Zwei Eier im Glas, bitte sehr!“ bis zum 18. Oktober und anschließend noch mal zwischen den Jahren.

Wenn sich das Romanische Café am Morgen öffnet, begrüßen die Kellner die Gäste des heutigen Tages mit einem Lied. Die erfahrenen Servicekräfte kennen ihre Stammkundschaft, ihre geheimen Wünsche und Sorgen und können vor allem deren Barschaft einschätzen. Einer der solventeren Gäste ist Max Slevogt. Er hat sich zwar gerade einen Hof in der Pfalz gekauft, ist aber trotzdem wieder in Berlin im Romanischen Café. Denn hier versammeln sich die damals bereits berühmten Intellektuellen ebenso wie kommende Geistesgrößen und inspirieren sich gegenseitig: Gottfried Benn, schon bekannt für seine Gedichte, feilt sprachverliebt an einem Reim. Der Dadaist John Höxter erbettelt sich ein paar Pfennige im Austausch für die frischeste Neuigkeit. Die junge Anna Seghers, ursprünglich aus Mainz, gibt sich ebenso ein Stelldichein wie Samuel Wilder, der später mit dem Vornamen „Billy“ in Hollywood für Furore sorgen wird oder auch Mascha Kaléko, eine der wenigen deutschsprachigen Dichterinnen der Neuen Sachlichkeit.

Während die Kellner ihre Tabletts zwischen den Tischen jonglieren und dabei geschickt das intellektuelle Stammpublikum von den beobachtenden Touristen trennen, fliegen Bonmots, kollegiale Ermunterungen, aber auch bösartige Spitzen zwischen den Tischen hin und her. Das Publikum aus der heutigen Zeit kann dabei viele Anknüpfungspunkte an heutige Verhältnisse finden. Es herrschte die Freiheit der Rede und der Kunst in der jungen Demokratie. Im Romanischen Café fanden die deutschen Intellektuellen einen Ort der Begegnung, eine Produktionsschmiede, in der sie sich gegenseitig inspirierten und oftmals den Stoff oder die Figuren für ihren nächsten Text fanden. Sie alle wollten das Wahre, Gute, Schöne finden, den verdienten Ruhm für ihre Poesie erlangen. Gleichzeitig wird bei den Gesprächen und Intrigen dieser Künstler-Gesellschaft deutlich: Obwohl sie für höhere Ziele angetreten sind, hängen die Einzelnen doch an ihrem persönlichen Glück. Während draußen, nur wenige Schritte entfernt, die Straßenschlachten zwischen NSDAP und KPD das Ende der Weimarer Republik ankündigen, streiten sich drinnen Seghers und Benn noch um die Dichterkrone – von einer gemeinsamen Haltung zur Verteidigung der Demokratie keine Spur.

Der Stücktext von Chawwerusch-Hausautor Danilo Fioriti ist eng verwoben mit zahlreichen Original-Texten jener Zeit: Der Titel „Zwei Eier im Glas, bitte sehr!“ bezieht sich auf ein Lied von Friedrich Holländer, in dem er das Treiben im Romanischen Café verewigt hat. Viele weitere Gedichte und Liedtexte der Zwanziger von Mascha Kaléko, John Höxter oder Bertolt Brecht werden zitiert. Die Spieler singen live jeweils unterstützt von Grammophonklängen und anderer zeitgenössischer Musikbegleitung (Musikeinspielungen: Karl Atteln).

In der Inszenierung von Jule Kracht gibt es keine vierte Wand, keine Trennung zwischen Publikumsebene und Bühne, beide gehen ineinander über. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Loriana Casagrande arbeitet mit wenigen ausdrucksstarken Requisiten, die symbolisch für ein ganzes Kostüm oder eine komplette Figur stehen. Feine gestärkte Tischwäsche und gebügelte Schürzen treffen auf den verschämt versteckten, ausgefransten Hosensaum des Schnorrers oder auf die verräterischen Reste der auf der Toilette konsumierten Drogen.

„Zwei Eier im Glas, bitte sehr!“ ist eine Produktion im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2026, der unter dem Motto „Die Goldenen Zwanziger“ steht. Der Blick zurück auf diese Epoche eröffnet nicht nur ein Panorama der damaligen Kunst- und Kulturszene, sondern wirft auch Fragen auf, die über die historische Situation hinausweisen: Wie selbstverständlich erscheint uns Freiheit, solange sie da ist? Und was geschieht, wenn eine Gesellschaft die Zeichen ihrer Gefährdung zwar wahrnimmt, aber keine gemeinsame Haltung dagegen entwickelt?


Info:

Spieltermine im Theatersaal: Fr. 2.10.2026 (Premiere); Sa. 03.10. 20 Uhr; So. 04.10. 19 Uhr; Fr. 09.10. 20 Uhr; Sa. 10.10. 20 Uhr; So. 11.10. 17 Uhr; Fr. 16.10. 20 Uhr; Sa. 17.10. 20 Uhr; So. 18.10. 19 Uhr; Di. 29.12. 20 Uhr; Mi. 30.12. 20 Uhr; Do. 31.12. 17 Uhr

„Zwei Eier im Glas, bitte sehr!“ wird gefördert vom Kultursommer Rheinland-Pfalz, der Landeszentrale Politische Bildung Rheinland-Pfalz, der Sparkasse Südpfalz, Lotto GmbH Rheinland-Pfalz, der Thüga Energienetze GmbH, dem Bezirksverband Pfalz und dem Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur Rheinland-Pfalz.

Der Vorverkauf läuft auf www.chawwerusch.de und bei allen reservix-Vorverkaufsstellen.

Quelle: Chawwerusch Theater


Alle Termine: