Lambrecht – Extensiv genutzte Wiesen und Weiden zählen zu den artenreichsten Lebensräumen im UNESCO Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen. Doch überall wo die Landschaftspflege durch Weidetiere langfristig fehlt, wird die typische Flora und Fauna unweigerlich von dichtem Buschwerk verdrängt und ihr Lebensraum geht verloren. Ihn zu schützen ist Ziel des Projekts „Neue Hirtenwege im Pfälzerwald“.

Vor dem Hintergrund des dramatischen Artenverlustes in Deutschland kommt dem Vorhaben eine entscheidende Bedeutung zu. Aufgrund seines Vorbildcharakters wird das Projekt von Bund, Land und Bezirksverband Pfalz mit insgesamt rund 11,5 Millionen Euro finanziert. Das Fördergebiet umfasst rund 8.300 Hektar und ist Teil des Programms „chance.natur–Bundesförderung Naturschutz“.

Bereits 2017 ging das Projekt mit der Konzeptentwicklung an den Start. Die Umsetzungsphase, kurz Projekt II, begann im Frühjahr 2024. Der gesamte Prozess von der Planung bis zur Umsetzung nimmt über zehn Jahre in Anspruch, für das Projektteam gilt es auf dem Weg zahlreiche Aufgaben zu bewältigen. 


Wenn Sie auf das Jahr 2025 zurückschauen: Was war der größte Erfolg im Hirtenwegeprojekt? Was war die größte Herausforderung?

„Wir sind sehr froh, dass wir mit unserem engagierten Team an verschiedenen Standorten im Pfälzerwald und am Haardtrand, wie beispielsweise am Haardter Schloss bei Neustadt oder in Leinsweiler, unterschiedliche Naturschutzmaßnahmen umsetzen können. Das bedeutet in einem ersten Schritt, dass wir stark überwachsene Flächen überhaupt erst für die Weidetiere wie z.B. Schafe zugänglich gemacht haben. Dabei kommen häufig Spezialmaschinen zum Einsatz, die besonders boden- und humusschonend arbeiten. In Hanglagen übernehmen oft Ziegen diese sogenannten „Erstentbuschungsmaßnahmen“.

Die größte Herausforderung ist für uns die Sicherung der Maßnahmenflächen. Der Ankauf oder die langfristige Pacht von künftigem Weideland ist Voraussetzung für eine Förderung der Maßnahmen. Die Pfalz ist als Realerbteilungsgebiet historisch bedingt stark durch die kleinteilige Besitzzerstückelung der Flächen geprägt. Daher gestaltet sich die Flächensicherung für uns als echte Herkulesaufgabe. Wir müssen mit hunderten von Parzelleneigentümern Kontakt aufnehmen und viel Überzeugungsarbeit leisten, um hektargroße Weideflächen zusammenhängend im Projekt nutzen zu können.“

Wanderschäfer, die zusammen mit ihren Tieren in der Natur übernachten und über weite Strecken unterwegs sind gibt es heute praktisch nicht mehr. Wie sieht der Beruf des Schäfers heute aus? 

„Das Ziehen mit den Herden über weitere Strecken wie es zum Teil bis in die jüngste Vergangenheit noch üblich war, ist deutlich zurückgegangen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von der Zerschneidung der Landschaft durch Verkehrswege, dem Verlust von Zugwegen durch konkurrierende Nutzer bis zu Akzeptanzproblemen durch Bewohner und Besucher der Region. Bei der Herde zu übernachten, wie dies früher noch üblich war, ist für die meisten Schäfer heute nicht mehr zeitgemäß. Werden die Schafe traditionell gehütet, bedeutet dies ein Leben mit der Herde die ganze Woche über und bei jedem Wetter, was für viele Tierhalter zu beschwerlich ist. Heute übernachten die meisten Schäfer zu Hause und koppeln die Tiere auf Nachtweiden mit mobilen Zäunen. Die Zugwege großer Herden, die zu Projektbeginn noch von der Rheinebene bis in den Wasgau verliefen, haben sich bei den meisten Betrieben deutlich verkürzt. Das bedeutet für unser Projekt, dass wir die Schäfer auf den noch bestehenden Zugwegen durch vielfältige Maßnahmen unterstützen zum Beispiel indem wir Weideflächen sichern oder mobile Zäune bereitstellen.

Überall dort, wo es keine Reaktivierung dieser historischen Nutzungsform gibt, greifen wir auf extensive Beweidungsformen mit Schafen oder Robustrindern zurück. 

Auch die Mahdnutzung in Form von wenigen, zeitlich dem Standort und der Vegetation angepassten Pflegeschnitten pro Jahr, spielt beim Schutz von Wiesen und Weiden als Lebensraum eine wichtige Rolle, denn das völlige Ausbleiben von Pflegeschnitten führt mit der Zeit ebenfalls zu einer Reduzierung des Blüten- und des Artenreichtums. Das Mähgut ist nicht zuletzt ein wichtiges Winterfutter für alle Weidetiere.“

Sind Ziegen, Rinder und andere Weidetiere ein adäquater Ersatz für Schafe?

„Der gezielte Einsatz des spezifischen Weideverhaltens ist der Schlüssel: Ziegen verbeißen Büsche und Sträucher und sind deshalb zur Erstpflege von Flächen bestens geeignet. Rinder und Schafe sind eher Grasfresser und werden vor allem dort eingesetzt, wo Flächen bereits für die Beweidung vorbereitet sind und dauerhaft offengehalten werden sollen. Weidende Rinder können aufgrund ihrer Vorliebe für Gräser in den offenzuhaltenden Grünlandbeständen dazu beitragen, wertvolle Kräuter zu fördern. Ihr Einsatz ist jedoch eher den weniger steilen Lagen vorbehalten. Ziegen und Schafe eignen sich als Leichtgewichte besonders für Steilhänge oder terrassierte Lagen.“

Welche Flächen wurde durch Beweidung bereits als Offenland zurückgewonnen und wann kann man mit der Neuansiedlung von Fauna und Flora rechnen?

„Wir haben bereits an verschiedenen Standorten Beweidungsmaßnahmen durchgeführt, beispielsweise unterhalb des Slevogthofes bei Leinsweiler oder am Haardter Schloss. Maschinelle Auflichtungen wurden bei Weyher oder in Gräfenhausen am Wingertsberg durchgeführt. Hier konnten wir einen ortsansässigen Schäfer gewinnen, der auf unseren Flächen nun sukzessive Flächen beweidet.

Die Neuansiedlung von Flora und Flora hängt von vielen Faktoren ab. Beispielsweise ist die Entwicklung von artenreichem Grünland auf bisherigen Waldstandorten in der Regel ein längerer Prozess als auf Flächen, die zum Teil noch mit Gräsern und Kräutern bewachsen waren. Auf solchen Standorten ist noch mit einem Samenpotential im Boden zu rechnen, das zügig wieder aktiviert werden kann.“

Was sind die Projektziele für 2026?

„Für 2026 möchten wir noch weitere Flächen für extensive Beweidungs- und Mahd-Maßnahmen erschließen und bestehende Beweidungen ausweiten. Zudem soll das Naturschutzgroßprojekt mit einer Wanderausstellung, die durch das Projektgebiet zieht, in der Region noch bekannter gemacht werden. Durch diese Kommunikationsarbeit möchten wir die Besucherinnen und Bewohner des Biosphärenreservats noch stärker für das Projekt begeistern, denn nicht zuletzt gewinnt die lichtdurchflutete Offenlandschaft durch die Projektmaßnahmen deutlich an Attraktivität.“

Mehr zum chance.natur-Projekt unter www.hirtenwege-pfaelzerwald.de.

Quelle: UNESCO Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen