Lambrecht – 1876 entstand in Lambrecht eine Webschule zur Heranbildung des beruflichen Nachwuchses in der Lambrechter Tuchindustrie. Ihr war ein Jahr zuvor eine „Musterweberei“ voraus gegangen, die sich dem Kerngebiet des Webens widmete, nämlich der Bindungslehre, wo es um das Verkreuzen von Kett- und Schussfäden ging, was je nach Art im Gewebe die verschiedensten Muster hervortreten ließ.

Waren die Muster ansprechend, förderte dies den Absatz des Tuchs, weshalb Tuchfabriken auch untereinander um das beste Muster konkurrierten. Das hieß, immer den Blick auf diesbezügliche Entwicklungen bei der Konkurrenz zu haben, um rasch reagieren zu können. Eigene Entwicklungen anzugehen oder rasches Realisieren von Sonderwünschen der Kunden waren weitere Aspekte. Hierfür waren gut ausgebildete Fachkräfte, wie Weber, notwendig. Weshalb wiederum eine gute Schulung wie in einer Musterweberei oder dasselbe besser noch in einer Webschule mit noch umfassenderem Lehrangebot unabdingbar war.

Wie kam es zur Musterweberei?

Nun, bis ins späte 18. Jahrhundert herrschten nur einfachste Tuchbindungen wie die Leinwandbindung vor, die wegen ihrer dicht stehenden Bindungspunkten ein ziemlich unflexibles Tuch hervor brachte, warum dieses sogar zum Zerreißen tendierte, besonders bei feiner Ausführung, etwa um Modeansprüchen zu genügen. Von daher entstand zuerst in England das Bedürfnis nach einem lockeren, flexiblen und zugleich haltbaren Wolltuch.

Zum Weben dieses wurde zuerst die „Atlas-Bindung“ (Satin) entwickelt, mit größerem Abstand der Bindungspunkte und stärkerem Hervortreten der Kettfäden auf der Oberseite des Tuchs, wodurch das Tuch lockerer und zugleich flexibler sowie deutlich haltbarer ausfiel. Das so gewebte Tuch wurde in England als „Buckskin“ bezeichnet, im Deutschen „Bockfell“ bzw. „Bockleder“, wohl in Anspielung auf seine deutlich verbesserte Haltbarkeit.

Es war dies die Geburtsstunde der Musterweberei in der Tuchindustrie, wofür Buckskin zu einem Markennamen wurde, in häufigem Gebrauch wie in Buckskin-Industrie, Buckskin-Fabrik, Buckskin-Webstuhl, Buckskintuch usw. Dies immer zur Hervorhebung von Buckskin als in Mustern locker gewebtes Tuch mit hoher Qualität in Haltbarkeit und Tragekomfort.

Spinnerei (Foto: Wolfram Even)
Spinnerei (Foto: Wolfram Even)

Die Webschule mit hoher Bildungsqualität

Die Webschule in Lambrecht war, indem sie über die Musterweberei bzw. Bindungslehre hinaus noch über viele weitere wichtige Disziplinen der Tuchmacherei lehrte, eine Bildungseinrichtung von hoher Qualität. Nicht nur zum Nutzen der heimischen Tuchindustrie, sondern noch weit darüber hinaus. Indem sie auch zu den ersten Einrichtungen ihrer Art in ganz Deutschland gehörte und mit ihrem Lehrangebot sowie auch ihrer Ausstattung nicht nur das theoretische, sondern auch das praktische Fachwissen zur Tuchmacherei vermitteln konnte. Damit stand sie auch im Ruf, zu den Besten unter den Webschulen in Deutschland zu zählen.

Neben der Lambrechter Webschule waren dies (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): die „Höhere Fachschule für Textilindustrie zu Cottbus“ (Lausitz), die „Höhere Fachschule für Textilindustrie“ in Mönchengladbach, die „Höhere Fachschule für Textilindustrie“ in Greiz (Thüringen), die „Höhere Textilfachschule – Textilingenieure – Betriebsleiter – Kaufleute“ in Sorau (Niederlausitz), die „Höhere Fachschule für Textilindustrie“ in Aachen, die „Höhere Fachschule f. Textilindustrie“ in Chemnitz (Sachsen), die „Webschule“ in Sindelfingen (heute Museum „Haus der Handweberei).

Die Tuchfabrik der Webschule

Unter den angeführten Webschulen waren einige mit Betriebsteilen, wie Spinnerei, Weberei, Färberei, Appretur u.a. ausgestattet, die wie in einer Volltuchfabrik mit einschlägigem Maschinenpark eine Tuchfabrik und deren Betrieb absolut realistisch abbilden konnten. Mit diesen vermochte die Webschule in Lambrecht durchaus mitzuhalten, insbesondere, nachdem sie 1935/36 eine gehörige Aufrüstung erfuhr, baulicher Art, aber auch in Maschinenausstattung.

Die Wolferei

Dazu finden sich in der Broschüre, „Ein Gang durch die Zeiten: Webschule/Textilingenieurschule Lambrecht“ von Karl Heinz Himmler (2004) Bilder des letzten Webschuldirektors Prof. Wolfram Even. So Seite 39 das Bild mit Untertext „Wolferei“. Dieses zeigt zwei Webschüler am „Reißwolf“ beim Wolfen der Wolle. Letztere wurde seit kolonialen Zeiten an in den Lambrechter Tuchfabriken gewaschen und in Jutesäcken gepresst angeliefert, so auch bei der Tuchfabrik der Webschule. Die durch Pressen stark verdichtete Wolle musste daher zu ihrer Weiterverarbeitung erst aufgelockert werden. Dazu diente der Reißwolf, wo die eingespeiste Wolle mit Stahldornen auf einem rotierenden Tambour zu Flocken „gerissen“ wurde. So aufbereitet ging die Wolle dann der Spinnerei zu.

Die Vor- und Feinspinnerei

Auf der selben Seite der Broschüre erblicken wir das Bild mit Untertext „Spinnerei“, in welcher die Wolle zu Garn gesponnen wurde, beginnend in der „Vorspinnerei“ mit dem Dreikrempelsatz. Hier wurde die Wolle in dessen Rohkrempel eingespeist und grob zu einem Wollpelz verarbeitet, dabei dessen Haare bzw. Fasern parallelisiert. Danach wurde der Wollpelz über ein Förderband der Feinkrempel zugeführt, um nochmals feiner als in der Rohkrempel bearbeitet zu werden. Über ein zweites Förderband gelangte der verfeinerte Wollpelz dann in die Vorspinnmaschine, die ihn zu einem Flor umwandelte, aus dessen Teilung in Faserbänder das lockere „Vorgarn“ entstand, was auf Vorgarnspulen gehaspelt wurde.

Das lockere Vorgarn aus der Vorspinnerei kam nun in die „Feinspinnerei“, wo es vom Selfaktor (Feinspinnmaschine) zu festem Garn gesponnen wurde. Dabei übernahm dessen Lieferwerk von den im Selfaktor positionierten Vorgarnspulen das lockere Vorgarn und übergab dieses an die Spindeln auf einem fahrbaren Wagen. Indem Letzterer sich auf Schienen vom Lieferwerk absetzte, zogen dessen Spindeln das lockere Vorgarn aus, dabei dieses teilweise verziehend, um es dann zu festem Garn zu verdrehen und letztlich dieses, während der Wagen wieder zum Lieferwerk ein fuhr, um den ganzen Vorgang zu wiederholen, auf Spulen zu winden.

Im Bild „Spinnerei“ sieht man eine Gruppe Webschüler, darunter eine Webschülerin, beim Spinnen am Selfaktor. Auf dessen Firmenschild gut lesbar: „SÄCHS. TEXTILMASCH.FABRIK vorm. RICH. HARTMANN A.G“. Ganz im Hintergrund gibt sich der Dreikrempelsatz mit dem senkrecht aufsteigenden Teil eines Förderbandes zu erkennen, vermutlich als Zulieferer für die rechts sich anschließende Vorspinnmaschine.

Innenaufnahme der Schule mit Maschinenpark (Weberei) (Foto: Wolfram Even)
Innenaufnahme der Schule mit Maschinenpark (Weberei) (Foto: Wolfram Even)

Die Musterweberei

Auf Seite 27 der Broschüre zeigen zwei Bilder die „Musterweberei“, welcher auf Jacquard-Handwebstühlen nachgegangen wurde, was in Lambrechter Tuchfabriken durchaus üblich war. Zu sehen sind auf dem oberen Bild Webschüler beim Einrichten der Stühle, deren Zugschnüre im „Harnisch“ gebündelt nach oben zur Steuertechnik streben. Hier tasteten Nadeln Lochkarten ab, welche zuvor geschlagen bzw. gestanzt wurden. Es folgte unmittelbar die Einstellung des Schusses, der dann mit einem einzigen Tritt ausgelöst wurde. Nach einem Kartenwechsel in der Steuertechnik wurden dann die Vorgänge für den nächsten Schuss eingeleitet.

Die Weberei

Das nächste Bild, Seite 36 der Broschüre, präsentiert eine „Innenaufnahme der Schule mit Maschinenpark (Weberei)“. Zu sehen sind eine Reihe mechanischer Webstühle und die Transmission für deren Antrieb. Links beginnt die Reihe mit zwei Schönherr-Webstühlen der „Sächsischen Webstuhlfabrik (Louis Schönherr) in Chemnitz, Sachsen“, welche auf Buckskin-Webstühle spezialisiert war. An die Schönherr-Webstühle schließen sich nach rechts weitere mechanische Webstühle an, wobei nur der ganz rechts durch seinen Harnisch als Jacquard-Webstuhl identifizierbar ist.

Der Zeichensaal und die Färberei

Weitere Betriebsteile sind in der Broschüre aufgeführt, so der „Zeichensaal“ (Seite 26), wo die angehenden Textilingenieure dem „Dessinieren“ und „Patronieren“ bei der „Tuchkonstruktion“ als Grundlage der Musterweberei nachgingen. Auch bestand in der Webschule eine „Färberei“, wo die Webschüler etwa das Färben im Strang (Garn) praktizierten u.a. So verfügte die Webschule über eine Tuchfabrik, die einer Volltuchfabrik sehr nahe kam und die nur in der Appretur Defizite aufwies. Was insgesamt aber völlig genügte, um Textilingenieure auszubilden, womit die Webschule als „Staatliche Ingenieurschule für Textilwesen“ auch zurecht den „Hochschulstatus“ innehatte.

Das Ende der Webschule

1974 wurde die Webschule stillgelegt, ihr Inventar samt Tuchfabrik ausgeräumt, die Färberei abgerissen, um dann nach Leerstandsjahren der Verbandsgemeinde-Verwaltung Unterkunft zu gewähren. Man stelle sich vor, man hätte die Webschule der Nachwelt erhalten können. Wie könnte sie doch heute als Juwel des Tourismus glänzen im Präsentieren ihrer einzigartigen „Bildungskultur“ einer ehemaligen „Staatlichen Ingenieurschule für Textilwesen“ sowie mit ihrer „Tuchfabrik“ als Zeugnis einer einst lebendigen und einzigartigen „Industriekultur der Tuchmacherei“ in Lambrecht und seinem Tal.


Quelle: Gerald Lehmann, Webermuseum Lindenberg