Speyer – Mit dem heutigen Tag hat Papst Leo XIV. das Rücktrittsgesuch des Speyerer Bischofs Dr. Karl-Heinz Wiesemann angenommen. Wiesemann hatte den Papst aus gesundheitlichen Gründen um seine Entpflichtung vom Amt des Bischofs von Speyer gebeten.

„Ich bin mit ganzem Herzen und großer innerer Freude mit Ihnen Christ und für Sie Bischof gewesen. Dennoch hat die Last der umfänglichen Verantwortung in mir körperlich, wie vor allem seelisch schwerwiegende Spuren hinterlassen.“

Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Wiesemann, der am 1. August seinen 66. Geburtstag feierte, leitete das Bistum Speyer seit März 2008.

„Mir ist bewusst geworden, dass ich die Kraft nicht mehr habe, die ganze Wegstrecke bis zur vollständigen Umsetzung der anstehenden Strukturreformen zu gehen. Hinzukommt, dass wir mit dem kommenden Jahr in eine dreijährige Vorbereitung der 1000 Jahrfeier der Grundsteinlegung unseres Domes eintreten, die dann im ganzen Jahr 2030 feierlich begangen werden soll. Der Speyrer Dom mit seiner europäischen, ja weltweit herausgehobenen Bedeutung hat es verdient, dass ein Bischof mit entsprechender Kraft und Leidenschaft in dieser Zeit dauerhaft präsent ist.“

Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Abschied und Dank

Mit Blick auf den Abschied, so Wiesemann, sei ihm das „Herz schwer“, weil er „gerne und mit Freude in unserer nicht nur landschaftlich wunderschönen Diözese“ Bischof gewesen sei, in der ihm die Menschen „mit ihrer Offenheit, ihrem Vertrauen und ihrer (saar-)pfälzischen Geselligkeit zu einer echten Heimat geworden sind, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe“.

„Ich sehe es auch als Verantwortung an, wenn man weiß, dass man einer Aufgabe nicht mehr im nötigen Umfang gerecht werden kann, das auf Zeit verliehene Amt für einen anderen, nun besser Geeigneten, wieder freizugeben“,

schreibt Wiesemann in einem Brief an alle Gläubigen. Er wisse, dass seine Entscheidung viele Menschen bewegen werde, und bitte um Verständnis für seinen Schritt.

Zugleich zeigt er sich äußerst dankbar für die vielen, die mit ihm und der Diözese den zurückliegenden Weg gemeinsam gegangen sind. Namentlich schließt Wiesemann in seinen Dank Weihbischof em. Otto Georgens und Generalvikar Markus Magin, die Mitglieder der diözesanen Gremien sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums ein:

„Mein großer Dank gilt allen, die sich in unserer Diözese mit Gebet und Tat für das Evangelium einsetzen und mithelfen, dass unsere Vision immer wieder Wirklichkeit werden kann: dass wir berührt und bewegt von der Menschenfreundlichkeit unseres Gottes zum Segensort in dieser Welt werden, die diesen Segen so nötig braucht.

Nun aber muss ich in meinem Leben noch einmal aufbrechen.“

Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Was dieser neue Weg konkret bringen werde, sei noch offen. Sicher sei für ihn jedoch, dass er sich weiterhin mit Leidenschaft für die Verkündigung des Evangeliums einsetzen und als Seelsorger für Menschen da sein wolle.

Für eine Kirche im Wandel

Wiesemanns Zeit als 96. Bischof von Speyer war von großen Veränderungen geprägt. Mit dem Seelsorgekonzept „Der Geist ist es, der lebendig macht“ wurde 2015 die Gemeindepastoral neu ausgerichtet. In diesem Zusammenhang entstanden 70 neue Pfarreien. Ein Visionsprozess entwickelte Perspektiven für die Zukunft des Bistums. Mit der Diözesanversammlung entstand zugleich ein synodales Beratungs- und Entscheidungsgremium auf Bistumsebene. Aktuell läuft mit „Ein Segen sollt ihr sein“ ein Prozess zur Weiterentwicklung der Pfarreistruktur. Ziel sind neun Pfarreien als größere pastorale Räume, in denen kirchliches Leben in missionarischer Ausrichtung, großer Vielfalt und getragen vom Engagement der Gläubigen vor Ort gestaltet werden soll.

Wiesemann setzte sich von Beginn an für den Synodalen Weg ein und unterstützte dessen Beschlüsse zu Macht und Gewaltenteilung, zur Rolle der Frauen, zum Priesterbild sowie zur Sexuallehre der Kirche. Im Zuge der Umsetzung im Bistum machte er sich unter anderem für mehr Frauen auf der Leitungsebene stark. Auch zum Zölibat und zum Diakonat der Frau bezog er wiederholt Stellung, wobei ihm zugleich immer die Einheit mit der Weltkirche wichtig war.

Ökumene als Herzensanliegen

Die Einheit der Christen war Wiesemann ein besonderes Anliegen. Der Ökumenische Kirchentag „Aufstehen zum Leben“ brachte 2015 rund 20.000 Menschen zusammen. Zu diesem Anlass verabschiedeten Bistum und Landeskirche einen gemeinsamen Ökumenischen Leitfaden mit Impulsen für die Vertiefung des Miteinanders auf Ebene der Pfarreien und Kirchengemeinden und darüber hinaus. Im Reformationsjahr 2017 setzten Landeskirche und Bistum zahlreiche ökumenische Akzente, darunter einen viel beachteten Versöhnungsgottesdienst in der simultan genutzten Simultankirche Otterberg. Ebenso wurden sowohl das Bistumsjubiläum 2017 und das Unionsjubiläum der Pfälzischen Landeskirche 2018 in ökumenischer Verbundenheit gefeiert.

Den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Das Thema sexualisierte Gewalt hat Wiesemann während seiner Amtszeit besonders beschäftigt. Die Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 war für ihn Anlass, den Blick konsequent auf die Betroffenen zu richten. Er führte zahlreiche Gespräche mit Betroffenen und setzt sich für unabhängige Strukturen der Aufarbeitung ein. Das Bistum Speyer richtete eine Unabhängige Aufarbeitungskommission und einen Betroffenenbeirat ein. 2025 wurde der erste Teil der unabhängigen Aufarbeitungsstudie für das Bistum Speyer veröffentlicht.

Der Speyerer Dom als Ort der Begegnung

Auch der Speyerer Dom spielte in Wiesemanns Amtszeit immer wieder eine besondere Rolle. Das 950. Weihejubiläum wurde 2011 mit einer Festwoche und der Füllung des Domnapfs im Beisein des Päpstlichen Legaten Kardinal Walter Kasper gefeiert, 2017 der 200ste Jahrestag der Neugründung des Bistums. 2021 beging das Bistum das 40-jährige Jubiläum der Aufnahme des Doms in die UNESCO-Welterbeliste.

Der Dom war zugleich Ort besonderer gesellschaftlicher Ereignisse. 2017 fand dort das Requiem unter Leitung des Bischofs für Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl statt, 2025 das Requiem für den früheren rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Prof. Dr. Bernhard Vogel. 2017 feierte das Bistum zudem 200 Jahre Neugründung der Diözese.

Über das Bistum hinaus im Gespräch

Wiesemann verstand das Bistum als Teil einer weltweiten Kirche und einer offenen Gesellschaft. Kundschafterreisen ermöglichten ihm und Mitarbeitenden weltkirchliche Lernerfahrungen und neue pastorale Impulse. Mehrfach war das Bistum Gastgeber bundesweiter Eröffnungsfeiern kirchlicher Hilfswerke, zuletzt für die MISEREOR-Fastenaktion in Ludwigshafen.

Auch in der Deutschen Bischofskonferenz brachte Wiesemann seine Erfahrungen und Positionen ein. Seine Stimme wurde insbesondere bei Fragen der Ökumene und der kirchlichen Entwicklung gehört. In der Deutschen Bischofskonferenz führte Bischof Wiesemann zunächst die Jugend-Kommission von 2011 bis 2016. Von 2016 bis 2021 hatte er den Vorsitz der Glaubenskommission inne. Seit 2021 war er stellvertretender Vorsitzender der Liturgie-Kommission und zugleich Mitglied der Ökumene-Kommission. Von 2013 bis 2019 war Bischof Wiesemann außerdem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland.

Ein Bischof, der den Menschen nahe ist

Bischof Wiesemann hat sein bischöfliches Wirken stets als Dienst an einer offenen und menschenzugewandten Kirche verstanden. Eine Pastoral, die auf die Menschen zugeht, niemanden ausschließt und von der Menschenfreundlichkeit Gottes geprägt ist, war ihm besonders wichtig. Daraus erwuchsen ein Zugehen auf wiederverheiratet Geschiedene, die Suche nach Wegen eines gemeinsamen Kommunionempfangs für konfessionsverbindende Paare und die Ermöglichung von Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Wiesemann suchte immer wieder den persönlichen Kontakt. Er war mit Menschen in den Pfarreien ebenso im Gespräch wie mit Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur. Dabei war ihm wichtig zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Seine offene und zugewandte Art machte ihn für viele Menschen zu einem nahbaren Gesprächspartner.

Zu seiner Persönlichkeit gehört auch seine Verbundenheit mit Musik. Immer wieder nahm der musisch geprägte Bischof, der auch leidenschaftlich selbst Klavier spielt, in seinen Predigten Bezug auf Liedtexte oder griff einzelne Zeilen auf, um darin Erfahrungen des Glaubens und des Lebens sichtbar zu machen.

 „Maior omni laude“

Sein bischöfliches Wirken hat Wiesemann unter den Wahlspruch „Maior omni laude“, „Größer als alles Lob“ gestellt. Der Satz aus der Fronleichnamssequenz „Lauda Sion“ verweist auf Gott als denjenigen, der größer ist als alles menschliche Lob. Zugleich beschreibt er eine Haltung, die Wiesemann wichtig ist: das eigene Wirken nicht zum Maß aller Dinge zu machen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und Verantwortung daraus abzuleiten.

Wie es nun weiter geht

Mit der Annahme des Amtsverzichts von Bischof Wiesemann ist die sogenannte Sedisvakanz des bischöflichen Stuhls eingetreten. Damit endet auch automatisch die Amtszeit des Generalvikars Markus Magin. Ebenso hören der Priesterrat und die Diözesanversammlung auf zu bestehen. Zeitnah werden nun die Mitglieder des Domkapitels zusammenfinden und einen Diözesanadministrator wählen, der bis zu Ernennung eines neuen Bischofs die Amtsgeschäfte mit eingeschränkten Rechten weiterführen wird.


Quelle: Bistum Speyer