Lambrecht – Am Sonntag, 13.09.2026, wird von 10 bis 16 Uhr der „Tag der Tuchmacherei in Lambrecht“ in und um die ehemalige Klosterkirche (Marktstr. 29) sowie in der ehemaligen Tuchfabrik Gebrüder Haas (Klostergartenstr. 11) stattfinden.
Unter dem Motto „Von der Klosterkirche zur Tuchfabrik – über Flucht, Wollstoffherstellung, Industrialisierung und die Folgen“ haben sich zwei Veranstalter ihr Programm abgestimmt und einen roten Faden von der Vergangenheit bis in die Gegenwart gesponnen. Im Rahmen der bundesweiten Aktion „Tag des offenen Denkmals“ ermöglichen sie die Besichtigung der Originalschauplätze, haben aber noch weit mehr geplant. Um Kinder, Jugendliche und Erwachsene anzusprechen, bieten sie ein vielfältiges Programm mit vielfältigen kostenfreien Erlebnis-Stationen. Solch ein breites Programm wurde in Lambrecht schon lange nicht mehr – wenn überhaupt – geboten.
Der erste Veranstalter ist die protestantische Kirchengemeinde Lambrecht-Lindenberg, die bereits im letzten Jahr eine erfolgreiche Teilnahme am „Tag des offenen Denkmals“ absolviert hatte und nun ihr Angebot optimieren und erweitern möchte.
„Wir öffnen unsere Kirche für Gottesdienste, für Konzerte und auch immer wieder für neue Ideen und Veranstaltungen.“
Pfarrerin Sarah Schulze

Diese Offenheit bringt auch der zweite Veranstalter, das 1952 gegründete elektrotechnische Unternehmen Jola Spezialschalter, mit. Seit einigen Jahren hat sich Geschäftsleiter Lars Mattil auf die Fahne geschrieben, die lokale wirtschaftliche und soziale Vergangenheit Lambrechts als bedeutender Textilstandort immer wieder mit unterschiedlichen Formaten ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Denn sein Unternehmen ging aus der familiären Tuchfabrik Gebrüder Haas, gegründet 1868, hervor. Viele Familienmitglieder waren in diesem Betrieb und in anderen Tuchfabriken tätig, vor der Industrialisierung sogar schon als Handweber.
Dieses Thema begeistert auch Kooperationspartner Gerald Lehmann, der 2018 sein „Weber-Museum Lindenberg“ eröffnete, in dem er die 400-jährige Industriekultur der Tuchmacherei im Lambrechter Tal präsentiert. Er ist einerseits beratend dabei, wird aber auch einen ganz besonderen Programmpunkt anbieten. Er wird nämlich dafür sorgen, dass zum ersten Mal seit der Produktionseinstellung im Jahr 1961 wieder in den Räumlichkeiten der Tuchfabrik Gebrüder Haas gewebt werden wird:
„Kinder haben sehr viel Spaß an handwerklicher Betätigung und Kreativität, und das Weben ist dafür total geeignet und wird den Kindern mit Sicherheit viel Spaß bereiten.“
Gerald Lehmann
Gemeinsam mit der Kunstweberin Annegret Borgwardt (Kreatives Handweben) wird er Kindern ermöglichen, das Weben an zwei unterschiedlichen Webstühlen sowie an fünf Webrahmen auszuprobieren. Außerdem wird Annegret Borgwardt das Spinnen am Spinnrad vorführen und so den Weg der Wolle zum Faden zeigen wird.
So sind mit dem Spinnen und Weben also bereits zwei der zahlreichen Arbeitsschritte jener Tuchfabriken vertreten, die im Zuge der Industrialisierung hervorgingen. Auf diese wiederum ist der bekannte Volkskundler Helmut Seebach spezialisiert, der unter anderem in seinem Bachstelz-Verlag zahlreiche Bücher über die Pfalz verfasst und veröffentlicht hat. Sein Beitrag wird auch eine Premiere sein, und zwar über sein Paradethema Rede und Antwort zu stehen, und zwar im Format eines persönlichen Autorengesprächs mit dem Titel „Vom Handwerk zur Fabrik – Geschichten zur Industrialisierung“.

Noch persönlicher wird es in zwei Augenzeugen-Gesprächen hergehen, die Jolas Geschäftsleiter Lars Mattil moderieren wird. Zunächst wird er „10 Fragen zu Arbeit und Ausbildung in der Tuchmacherstadt Lambrecht“ an Erich Christmann stellen, der nicht nur bei der Tuchfabrik Gebrüder Haas und der Filztuchfabrik J. J. Marx gearbeitet hatte, sondern auch Schüler der Staatlich Höheren Fachschule für Textilindustrie in Lambrecht gewesen war und später in seiner Karriere noch viele Jahre lang bei der BASF tätig war, wodurch sein Themenreichtum noch um das Färben und Farbstoffe erweitert wurde.
Dieses Thema wird dann auch von Dr. Otto W. Obermaier und seinem Enkel Jona Hassouna aufgegriffen werden. Im Vortrag „Lambrechter Erfinder Obermaier schuf Weltinnovation des Textil-Färbens – Nachkommen der 4. & 6. Generation blicken zurück“ werden sie über die Lambrechter Weltinnovation des Stückfärbeapparats und die Entwicklung der Familienfirma Obermaier & Cie. berichten.
Später wird Lars Mattil dann noch „10 Fragen zum Familienbetrieb Gebrüder Haas“ an seinen Vater Volker Mattil stellen, der noch spärliche Kindheitserinnerungen an die familiäre Tuchfabrik hat.
Außerdem wird er stündlich im Wechsel eine Führung für Erwachsene sowie eine speziell für Kinder und Jugendliche durch die historischen Räume im Verwaltungsgebäude von 1920/1921 übernehmen.
Im Innenhof werden ergänzend ausgewählte Exponate aus fast 100 Jahren industrieller Textilherstellung von Gebrüder Haas (1868-1961) ausgestellt werden. Daneben werden Erinnerungsstücke an die Tuch- und Filztuchfabrik J. J. Marx zu sehen sein, die als letztes Textilunternehmen in Lambrecht aufgrund der verschlechterten Marktlage und weiterer widriger Umstände leider im September 2025 unter ihrer letzten Firmierung J. J. Marx GmbH Insolvenz anmelden musste und zum 30.11.2025 ihre Produktion einstellte. Die ehemaligen Marxianer Lukas Baumann (Betriebsleiter und Geschäftsführer) und Brigitte Kern (Sachbearbeiterin Verkauf/Versand und Prokuristin) haben einige Gegenstände ausgewählt, die die Bedeutung des Unternehmens erahnen lassen, das seine über 400-jährige Familien- und Firmentradition auf den wallonischen Vorfahren Bertrand Remacle zurückführte, der im Jahr 1585 erstmals in Lambrecht urkundlich nachweisbar ist, weshalb es (inhaltlich etwas ungenau) einst als ältestes pfälzisches und vielleicht sogar deutsches industrielles Unternehmen im Besitz einer Familie gefeiert wurde.
Und dann soll die nicht-textile Kunst auch nicht zu kurz kommen! Der ehemalige Schullehrer und Lindenberger Bürgermeister wird als „musikalischer Heimathistoriker“ auftreten und mit Stimme und Gitarre „Lieder über Textil- und andere Berufe“ vortragen. Der grafische Künstler Walter-Heinz Glaß (Glaß Art Collection) wird mit der Gemäldeausstellung „Bewegte Zeiten der Lambrechter Tuchmacherei“ zugegen sein und auch Maltische für junge Künstler betreuen.
Über den ganzen Tag hinweg werden mehrere Videos gezeigt werden und ein Stoffe-Anfasstisch aufgestellt sein.
Für Aktivität wird Jolas Betriebsleiter-Assistent Martin Anton sorgen und im Innenhof „Textile Bewegungsspiele für Junge und jung Gebliebene“ begleiten.
All diese Erlebnis-Stationen werden in der ehemaligen Tuchfabrik Gebrüder Haas (heute Jola Spezialschalter) in der Klostergartenstraße 11 stattfinden.
Da das Motto aber „Von der Klosterkirche zur Tuchfabrik“ heißt, sollte man – wenn man auf die chronologische Reihenfolge Wert legt – aber am anderen Veranstaltungsort beginnen, und zwar in und um die protestantische Kirche (Marktstraße 29).
Was die ehemalige Klosterkirche mit der Tuchmacherei zu tun hat, wird dort gleich um 10.30 Uhr im eröffnenden Gottesdienst von Kirchenrat i. R. Frank-Matthias Hofmann thematisiert werden. Sein Thema lautet: „Wo Fremde Heimat gefunden haben. Lambrecht verdankt Flüchtlingen seine Geschichte. Die Wallonen damals und unsere Verantwortung heute.“ Der ungewollte Verlust der Heimat und der Neubeginn in der Fremde ist heute wieder ein hochaktuelles Thema. Aber schon im 16. Jahrhundert kamen Flüchtlinge nach Lambrecht. Im Gebiet der Wallonie in den spanischen Niederlanden (dem heutigen Belgien) war ein Teil der katholischen Bevölkerung, zum Calvinismus – einer neuen protestantischen Glaubensrichtung – übergetreten, um religiös und politisch selbständig zu sein. Der spanische König entsandte Truppen, die unter ihrem Anführer Herzog Alba mit einem Blutgericht gegen die Glaubensabtrünnigen vorgingen. Diesen blieb nur noch die Flucht, die einige erfahrene Wolltuchmacher auch in die Pfalz führte. Der Kurfürst Friedrich III. bot ihnen Zuflucht und neue Heimstatt, unter anderem im verlassenen Kloster St. Lambrecht. Es gelang den Heimatvertriebenen rasch, sich mit ihren Produkten einen Markt zu erobern. Das Dorf Lambrecht blühte wieder auf.
Doch zurück zur Gegenwart bzw. Zukunft! Nach dem Gottesdienst wird ab 11.30 Uhr in der Vorkirche die von Harald König (Redakteur und Herausgeber von Mittelpfalz.de) zusammengestellte Bilderausstellung „Die protestantische Lambrechter (Kloster-)Kirche auf historischen Bildern“ zu sehen sein.
Außerdem werden die Führungen „Die ehemalige Klosterkirche in Lambrecht – von den Dominikanerinnen bis zur heutigen Nutzung“ (Pfarrerin Sarah Schulze) und „Zur Geschichte und geplanten Restaurierung der mittelalterlichen Seccos (Wandmalereien)“ (Robert Westerberger) stündlich durchgeführt werden. Organistin Simone Weber wird die Erläuterung und Vorführung der historischen Geib-Orgel von 1777 übernehmen. Schließlich wollen die Presbyter Harald Henrich und Thomas Wagner mit Kleingruppen hoch hinauf in den Turmaufbau zu den Glocken steigen und allerlei Interessantes zeigen und erzählen.
Speziell für Kinder und Jugendliche werden die Basteltanten der „Kreativ-Tage für Jung und Alt“ im prot. Gemeindehaus kreatives Gestalten mit Stoffen anbieten.
Der Förderverein ehemalige Klosterkirche Lambrecht e. V. wird mit einem Informationsstand vertreten sein, seinen neuen Klosterwein vorstellen und für den Verkauf von Kaffee und Kuchen sowie anderen Getränken sorgen.
Bei Jola bzw. der ehemaligen Tuchfabrik Gebrüder Haas wird die Jugendfeuerwehr den Ausschank übernehmen und ein Informationsstand der Verbandsgemeinde Lambrecht die neuen Audiotouren (unter anderem „Saladin und die Tuchmacher“) vorstellen.
Tafeln mit Bildern und Erläuterungen werden an beiden Veranstaltungsorten reichlich Lese- und Anschauungsmaterial bieten. Speziell für den „Tag der Tuchmacherei“ hat Jola-Chef Lars Mattil zusammen mit seiner Tochter Audio-Erläuterungen für Kinder und Jugendliche konzipiert, die unter dem Titel „Johanna erzählt“ an verschiedenen Orten per Handy abgerufen werden können. Das neue Wissen kann dann im „Tuchfabrik-Quiz“ getestet werden, bei dem die Teilnehmer mit etwas Glück einen Preis bekommen können.
Außerdem ist Johanna die Erzählerin des Ankündigungs-Videos, das in YouTube veröffentlicht ist.
„Ich wünsche mir, dass wir mit unserem Angebot einige Interessierte ansprechen werden, dass sie uns besuchen, gemeinsam mit uns einen schönen Tag verbringen und dass sie einige Erkenntnisse und Anregungen mit nach Hause nehmen werden.“
Lars Mattil
Im Rahmen der bundesweiten Aktion „Tag des offenen Denkmals“ wird von diversen Akteuren außer der Besichtigung der Originalschauplätze ein vielfältiges Programm mit zahlreichen Erlebnis-Stationen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene kostenfrei angeboten werden.
Keine Anmeldung erforderlich. Eintritt frei. Detailliertes Programm, Angaben zum barrierefreien Eingang und weitere Informationen auf www.jola-info.de/tag-der-tuchmacherei.
Quelle: Jola Spezialschalter GmbH & Co. KG






