Speyer – Seit Herbst 2024 zieren Gerüste die Osttürme des Speyerer Domes. Die Arbeiten an den oberen drei Turmgeschossen des Südostturms begannen im Frühjahr 2025. Nun startet der zweite Bauabschnitt, in den die Untersuchungen und Entscheidung der ersten Sanierungsphase einfließen. Domdekan Dr. Georg Müller, seit Beginn des Jahres 2026 verantwortlich für den Bauerhalt der romanischen Kathedrale, und Dombaumeisterin Hedwig Drabik gaben in einem Medientermin Auskunft zu den zurückliegenden und den anstehenden Arbeiten. 

„Wir als Domkapitel freuen uns, dass mit den Osttürmen ein bedeutender, mittelalterlicher Teil des Doms saniert wird und wir den Dom zum großen Dom-Jubiläum 2030 in ,alter Pracht‘ präsentieren können. Zu danken haben wir dem Land Rheinland-Pfalz, das uns bei den substanzerhaltenden Maßnahmen wesentlich unterstützt. Einen großen Anteil am zügigen Fortgang der Arbeiten hat zudem der Dombauverein Speyer. Von ihm bekommen wir zum einen Geld aus den jährlichen Zuwendungen des Vereins, zum anderen konnte der Dombauverein durch ein entsprechendes Vermächtnis von Dr. Christa Panhans zusammen 1,17 Millionen Euro für die jetzt beginnende Maßnahme am Nordostturm beisteuern“.

Domdekan Dr. Georg Müller
Domdekan Dr. Georg Müller beantwortet Fragen von Journalisten zu den aktuellen Baumaßnahmen am Dom (April 2026) (Quelle: Domkapitel Speyer, Foto: Klaus Landry)
Domdekan Dr. Georg Müller beantwortet Fragen von Journalisten zu den aktuellen Baumaßnahmen am Dom (April 2026) (Quelle: Domkapitel Speyer, Foto: Klaus Landry)

„Eine so große Maßnahme ist eine Herausforderung für alle Beteiligten: finanziell, organisatorisch, handwerklich. Aber es macht auch Spaß, den Bau näher kennen zu lernen und immer spannende Dinge zu entdecken. So konnten wir am Südostturm Eisenklammern aus dem Mittelalter freilegen.“

Dombaumeisterin Hedwig Drabik

Neben der großen Sanierungsmaßnahme an den Osttürmen müssen parallel kleinere Maßnahmen durchgeführt werden. So wird die Reinigung der Sockelzone und die Restaurierung des Ölbergs weiter fortgesetzt. Neu hinzu kommt die Instandsetzung der Dachkehle der Katharinenkapelle. Dieses Projekt ist ein Beispiel, wie es an einem so großen Bau immer wieder zu unliebsamen Überraschungen kommen kann. Die Wartung und Reparatur technischer Elemente sowie Sicherheitsthemen sind kontinuierliche Aufgaben der Dom-Technik, die Teil des Dombauamtes ist.

Sockelreinigung

Ein Projekt, das mit Geldern der Dr.-Albrecht-und-Hedwig-Würz-Stiftung in der Bürgerstiftung der Sparkasse Südpfalz umgesetzt wird, ist die Reinigung und Neuverfugung der Sockelzone des Doms. Mit dieser wurde bereits im November 2025 begonnen und wird nun nach der Winterpause fortgesetzt. 40.000 Euro kann das Dombauamt hier aus Stiftungsgeldern verausgaben. Dombaumeisterin Drabik erläuterte, dass der Sockelbereich des Doms sich in einem relativ schlechten Zustand befinde. 4 bis 5 Bodenplatten müssten getauscht werden. Steinmetz Tobias Uhrig erläuterte die Arbeiten. Zunächst werden Moose und weiterer Bewuchs händisch entfernt, bevor eine Heißdampfreinigung erfolgt. Durch die hohen Temperaturen würden die Keime und Sporen des biogenen Bewuchses abgetötet. Der Effekt sei jedoch nicht auf die sichtbare Säuberung zu reduzieren, ergänzte Dombaumeisterin Drabik. „Durch den Bewuchs wird Wasser gebunden, was letztlich zur schnelleren Verwitterung und somit zum Substanzverlust am Sandstein führt.“ In nächster Zeit würden für die höheren Sockelbereiche noch kleine Gerüste gestellt, um auch diese reinigen zu können, so Drabik.

Dombaumeisterin Hedwig Drabik zeigt Schäden am Nordosttum des Doms (April 2026) (Quelle: Domkapitel Speyer, Foto: Klaus Landry)
Dombaumeisterin Hedwig Drabik zeigt Schäden am Nordosttum des Doms (April 2026) (Quelle: Domkapitel Speyer, Foto: Klaus Landry)

Doppelkapelle

Bei einem routinemäßig stattfindenden Kontrollrundgang stellte Dombaumeisterin Hedwig Drabik Mitte des Jahres 2025 Schäden an den Putzflächen der Gewölbe in der Katharinenkapelle fest, die nicht durch temperaturbedingte Veränderungen entstanden sein konnten. Für die Klärung der Schadensursache musste zunächst ein Gerüst gestellt werden, um die Dachflächen und insbesondere die Dachkehle zwischen Katharinenkapelle und dem Querhaus besser in Augenschein nehmen zu können. 

Da die Kupferkehle konstruktiv aus einer sehr großen Kupferschar ausgeführt wurde ist sie vor allen Dingen durch die Südausrichtung starken Temperaturschwankungen ausgesetzt, die zu Längendehnungen führen. Mit der Zeit haben sich die Falzverbindungen innerhalb der Kehle leicht geöffnet, sodass bei starken Regenereignissen über die Kapillarwirkung Wasser in den Dachraum eindringt und zu Staunässe führt. 

Die Feuchtigkeit hat bereits zu Schäden im Bereich der Fußpunkte des Dachwerks geführt und ist sehr schlecht einzusehen und zu erreichen. Da die Maßnahmen einen größeren Eingriff erfordern, werden zunächst Schwachstellen in diesem Jahr notdürftig repariert und die Überarbeitung der Kehle für das kommende Jahr geplant. Da es sich um drei Bauteilbereiche handeln, an die im wasserführenden Bereich ans Mauerwerk und das Dach angeschlossen werden muss, laufen derzeit Planungen zur Ausführung der komplexen Klempnerarbeiten. Das derzeitige Gerüst dient lediglich der minimalinvasiven Reparaturmaßnahme und wird mit Abschluss rückgebaut. Für die Ausführung der eigentlichen Instandsetzung wird im kommenden Jahr ein größerer Teil der Kapelle eingerüstet. 

Ölberg

Die Sanierung des neben der Kathedrale befindlichen Ölbergs wurde im Jahr 2025 vom Dombauverein Speyer zu seinem 30-jährigen Jubiläum angestoßen. Nachdem das Dombauamt die Kosten für die Maßnahmen ermittelt hatte, wurden Patinnen und Paten für die 18 Einzelfiguren gesucht. Mittlerweile konnte der Dombauverein für alle Figuren Patenschaften vergeben. Benötigt werden jedoch noch Spenden, um die Monumentalskulptur des Ölbergs mit seiner Tier- und Pflanzendarstellungen zu restaurieren und eine angemessene Beleuchtung herzustellen. Alle Paten sowie alle Spender, die 1000 Euro oder mehr bereitgestellt haben, werden nach Abschluss des Projekts mit einem Schild im Bereich des Ölbergs dauerhaft gewürdigt.

Bis die Restaurierungskosten für die einzelnen Figuren ermittelt werden konnten, waren einige Schritte notwendig. So wurde Anfang des Jahres 2025 ein Gerüst gestellt, um die Schäden überhaupt genauer in Augenschein nehmen zu können und erste Probereinigungen durchzuführen. Eine Vorreinigung der Pfeiler sowie von Teilen des Sockels wurde mit Heißdampf durchgeführt. Durch das Dach, das in den 1950er Jahren errichtet wurde, wird die Monumentalskulptur sehr verschattet. Die dunkle Holzdecke unter dem Dach wurde entfernt, um den an der Spitze befindlichen Skulpturen nach oben mehr Raum zu geben. Der umlaufende Holzschwellenkranz wurde gereinigt und von dunklen Überzügen befreit. Der Dachbereich soll zukünftig geöffnet bleiben und der Ölberg dort auch eine eigene Beleuchtung erhalten. Hierfür sind Kosten von 17.000 Euro veranschlagt, für die noch Spender benötigt werden.

Im Zentrum der Maßnahmen steht die Reinigung und Restaurierung der Steinoberflächen der Architektur und der 18 Figuren. Während die Architektur noch aus dem Mittelalter stammt, sind die Figuren neuzeitlich. Die Figuren zeigen verschiedene Schadensphänomene je nach Position: Vergrünung im Norden, schwarze Krusten oben, Teilverschmutzungen im Süden. Je nach Nähe zum Außenbereich sind die Schäden durch Vandalismus unterschiedlich groß. Glücklicherweise konnten gerade einige Finger im Bistumsarchiv als Bestandteile einer Figur des Ölbergs zugeordnet werden.

Einst war dieser Ölberg ein Meisterwerk gotischer Bildhauerkunst und in seiner Zeit berühmter als der Dom selbst. Das in den Jahren 1509-1511 errichtete Bauwerk wurde von den Zeitgenossen einhellig als ein Kunstwerk gepriesen, wie im gesamten Deutschen Reich – und darüber hinaus – kein zweites von gleicher Qualität zu finden sei. Dieser mittelalterliche Ölberg wurde leider 1689 und 1793 bis 1794 durch französische Soldaten schwer beschädigt. Die alten Figuren sind ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch Arbeiten von Gottfried Renn ersetzt worden. 

Der Ölberg erscheint als eine gestufte Felskuppe. ln einer Schraubenlinie führt ein Weg empor. Ihn beschreiten Judas gemeinsam mit den Schergen und ein Hauptmann mit drei Soldaten. Oben betet Jesus, ringsum zerstreut liegen die schlafenden Jünger, zuoberst befindet sich ein Engel. Auf den Felsen der Kuppe wuchern naturalistisch dargestellte Pflanzen, dazwischen bemerkt man allerlei Kriechtiere, ferner Hasen, Eichhörnchen, Schildkröten.

Osttürme

Erste Voruntersuchungen der Osttürme fanden bereits 2022 statt. Im September 2024 startete die Maßnahme zur Sanierung mit der teilweisen Einrüstung der beiden Türme. Errichtet wurden diese Ende des 11. Jahrhunderts als erstes Beispiel sogenannter Chorflankentürme. Zuletzt wurden sie 1986 in Teilen saniert. 

Die Sanierung der Osttürme erfolgt in mehreren Abschnitten, nicht zuletzt auch deshalb, um die Maßnahme überhaupt finanziell stemmen zu können. Seit März 2025 werden im ersten Bauabschnitt an den drei offenen Turmgeschossen des Südostturms umfassende Naturwerksteinarbeiten ausgeführt. Dabei zeigte sich ein deutlich größeres Schadensausmaß als erwartet. Insbesondere in den oberen Fassadenbereichen beider Türme wurden intensive Schäden festgestellt. 

Aus diesem Grund wurde die ursprüngliche Reihenfolge der Maßnahmen verändert: Anstatt, wie geplant, zunächst den Südostturm in Gänze zu sanieren, wird nun nach dem Abschluss der Arbeiten an den drei oberen Turmgeschossen des Südostturm gegenüberliegenden Nordostturms weitergearbeitet. Dort werden, wie schon am Südostturm, die offenen, oberen drei Turmgeschosse saniert. Diese Arbeiten bilden den ersten von drei Teilabschnitten des zweiten Bauabschnitts. Die Kosten alleine für den ersten Teilabschnitt belaufen sich dabei auf ca. 1,3 Millionen Euro. 

Den Schwerpunkt der Arbeiten an beiden Türmen bildet die Restaurierung der steinsichtigen Fassadenflächen. Nach einer vollständigen Reinigung erfolgen gezielte Steinaustausche, Konservierungen geschädigter Bereiche sowie die Verbesserung der Wasserführung. Historisch belegte Sandsteinfensterbänke werden wiederhergestellt und ersetzen schadensanfällige Lösungen aus den 1930er Jahren. Zudem werden architektonische Gliederungen wie Turm- und Lisenenkanten, die durch frühere Brände beeinträchtigt waren, rekonstruiert. Abschließend wird die schadhafte Zementverfugung entfernt und durch einen angepassten, zementfreien Kalkmörtel ersetzt.

Im Bereich der Putz- und Anstricharbeiten zeigte sich insbesondere an den Giebelflächen des Turmhelms erheblicher Handlungsbedarf: Nicht tragfähige, zementgebundene Putze aus dem 20. Jahrhundert werden erneuert. In besonders sensiblen Bereichen bleibt stark haftender Altputz zum Schutz der historischen Substanz erhalten.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verbesserung der Wasserableitung. Angesichts zunehmender Starkregenereignisse werden schadhafte Kupferabdeckungen erneuert, Wasserspeier neu dimensioniert und besonders exponierte Gesimse konstruktiv geschützt. Ziel ist es, das Eindringen von Niederschlagswasser nachhaltig zu reduzieren und wertvolle romanische Steinsubstanz zu bewahren.

Auch statisch relevante Bauteile werden ertüchtigt. Geschädigte Zwischendecken aus der Sanierungsphase der 1930er Jahre sind nicht mehr tragfähig und werden zurückgebaut. Die vorhandenen Ringankersysteme gewährleisten weiterhin die notwendige Stabilität, sodass auf massive Neubauten verzichtet werden kann. Für Wartungszwecke werden filigrane Stahlrostebenen mit integrierten Treppen eingebaut. Ergänzend werden Blitzschutz, Beleuchtung und Taubenabwehr überarbeitet, Brutplätze für Uhu und Turmfalke wiederhergestellt sowie geschädigte Holzeinbauten instandgesetzt.

Die Maßnahmen werden wissenschaftlich begleitet durch die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (Fachgebiet Bautechnikgeschichte) sowie das Institut für Steinkonservierung e.V.. Die begleitende Bauforschung und materialwissenschaftliche Untersuchungen tragen dazu bei, neue Erkenntnisse zur Baugeschichte und zum Erhalt des bedeutenden Bauwerks zu gewinnen.


Quelle: Bistum Speyer